Die überstrapazierte schwäbische Hausfrau und ihr kleiner Horizont

Der Staat solle haushalten wie eine schwäbische Hausfrau, die ausgebe was sie einnehme. So die von Angela Merkel 2008 popularisierte These zur fiskalischen Disziplin in der Politik. Die Metapher schwäbische Hausfrau krankt jedoch an dieser Zuschreibung. Man unterstellt ihr nicht in der Lage zu sein, ihre Einnahmen zu strukturieren und ihre Ausgaben nicht gezielt für künftige Erträge zu verwenden. Man bindet ihr rhetorisch die Hände, sodass sich ihr Handlungsspielraum mehr auf das Verwalten, als auf das Haushalten beschränkt. Aber vielleicht war das genau die merkelsche Pointe – keine Revolution, keine Vision – es bleibt nur Verwaltung.

Eine schwäbische Hausfrau ist sehr wohl in der Lage durch Investitionen ihre Situation langfristig lohnenswert zu verbessern, auch ist sie in dem Bewusstsein, dass die Anschaffung eines Hauses auch seine Instandhaltung bedarf und der private PKW zu Inspektionen und zum Öl-Wechsel muss. An diesem Punkt brach die Illusion der schwäbischen Hausfrau in den Merkeljahren. Das Stichwort sind „Infrastrukturschulden“. Ein angehäufter Schuldenberg der sich nicht in den Büchern zeigt, sich aber im Alltag der Bürger und Bürgerinnen immerwährend äußert. Die Liste ist lang. Tropfende Schultoilletten, ausfallende Busse und mangelnde Digitalisierung in bürgernahen Behörden. Diese Versäumnisse der „schwäbischen Hausfrau“ haben ein Preisschild.

Der kleine Horizont

Der Hausfrau wird paternalistisch ein kleiner Horizont attestiert. Sie ist unfähig unternehmerisch langfristige Ziele zu verfolgen. Ihre Aufgabe bestünde allein darin das Vorhandene zu verwalten. Schon in 2008 war das Bild der Vollzeit-Hausfrau, die keinerlei Interessen außerhalb ihres Hausstandes hat veraltet. „Hausfrauen“ haben Träume, Ambitionen und Ziele. Selten befassen sich diese Ziele und Ambitionen mit Stillstand, sondern mit der Verbesserung der Lebenssituation und um in der merkelschen Rhetorik zu bleiben – das Haus herzurichten und eine dauerhafte nachhaltige Nutzung zu garantieren. 

Anschaffung ohne Instandhaltung – Verbesserung der Ausgabensituation

Kommen auf die schwäbische Hausfrau Kosten zu kann sie diese nur latent bedienen, sie unterliegt einem eigens eingeschnürten Korsett – welches sich politisch in der Schuldenbremse, der Unverhandelbarkeit von Steuererhöhung und in der vorherrschende Mentalität der Austerität materialisiert. 

Nach den Lehren des Ersten Weltkrieg entschieden sich die Alliierten und die politischen Kräfte nach dem Zweiten Weltkrieg in der jungen Bundesrepublik den Bürgern und Bürgerinnen eine Vision zu geben. Einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, getragen durch gute Infrastruktur, Aufstiegsversprechen und einem starken sozialen Auffangnetz.

In einem von Krieg gebeutelten Land konnte dieser Wandel nur durch Schulden bewirkt werden. Die Zukunft musste sich durch Kredite erkauft werden. Jeder Bürger und jede Bürgerinnen stellt dieser Tage den schlechten Zustand der Infrastruktur fest. Züge die nicht oder nicht pünktlich kommen, Schulen in denen es von der Decke tropft und mit mangelhafter EDV-Ausstattung und Autobahnen gesäumt von Baustellen. 

Bei Anschaffung eines Wirtschaftsgutes in der Infrastruktur sind zunächst die Anschaffungskosten hoch und mit laufenden Instandhaltungskosten verbunden. Wird die Instandhaltung regelmäßig vollzogen hält das Wirtschaftsgut länger oder gar ewig. Mache sich die Politik bei den Kosten der Instandhaltung ehrlich, wären dauerhaft Finanzmittel gebunden, ohne dass das Wahlvolk dafür eine neue Brücke oder eine neue Schule sähe. In der Vergangenheit wurde jedoch häufig das Prinzip gelebt sich der Instandhaltung nicht ehrlich zu machen und die Kosten der Instandhaltung zu kürzen oder gar in Gänze zu sparen. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung rächt sich dieser Sparzwang und die Dinge müssen allzu häufig abgerissen und in Gänze neu angeschafft werden – das Teuerste aller möglichen Szenarien.

Die schwäbische Hausfrau sieht also nicht nur, ob sie sich die Dinge akut leisten kann, sondern ob sie diese auch langfristig unterhalten kann. Eine versäumte Instandhaltung, so ist sie sich zu recht sicher bedeutet als Spätfolge eine teurere Neuanschaffung. Die Politiker, die sich des Bildes der schwäbischen Hausfrau zu eigen machen, teilen diese Erkenntnis all zu häufig nicht.

Verbesserung der Einnahmensituation

Der schwäbischen Hausfrau wird aus konservativer Sicht abgesprochen Entscheidungsfreiheit hinsichtlich ihrer Einnahmen zu haben. Die schwäbische Hausfrau könne nur ausgeben, was sie einnehme. Hier jedoch liegt die Crux – eine autonom handelnde und emanzipierte Frau kann dieser Tage sehr wohl ihre Einnahmen an die Finanzsituation ihres Haushaltes anpassen. Sie kann durch dem Nachgehen verschiedener Tätigkeiten ihre Einnahmen erhöhen oder Tätigkeiten zugunsten anderer Tätigkeiten aufgeben, um ihre Einnahmen aus anderen Quellen zu beziehen.

Die Beschneidung der Autonomie der schwäbischen Hausfrau hinsichtlich der Einnahmen wird missbraucht, um eigene politische Verfehlungen zu rechtfertigen. Die Einnahmen der Hausfrau, sowie des deutschen Staates sind nicht von Gott gegeben und daher unveränderlich. Sie verändern sich jedes Jahr durch gesamtwirtschaftliche Performance, aber auch durch gesetzgeberische Subventionen. Ein weiterer Auswuchs dieser politischen Ideologe unterstreicht die Phrase „Deutschland habe kein Einnahmenproblem – es habe ein Ausgabenproblem“. 

Die Liste der Ausgabenprobleme in Deutschland ist lang. Es mangelt an staatlichen Investitionen an allen Ecken und Enden vor jedermanns Augen. Es müsste entgegen des neoliberal konservativen Sprechchors mehr ausgegeben werden um Schulen, Straßen, Gleise oder Brücken zu sanieren und Kommunen, sowie Länder zu entschulden. Diese Notwendigkeit sollte jedem klar machen, dass es tatsächlich zu einem Einnahmenproblem komme. 

Das Einnahmenproblem ließe sich zum einen dadurch lösen, indem die Steuerlast der gesellschaftlichen Schichten neu justiert wird, von Konsumenten hin zu Vermögenden. Ferner müsse das Einnahmenproblem ebenfalls aus vorgenannten Gründen der Höhe nach neu bewertet werden.

Soziale Ungleichheit im Schwabenländle

Der Haushalt der schwäbischen Hausfrau nimmt zunehmend groteske Züge an. Während die Eltern in Saus und Braus ihre Zeit verleben nagen deren Kinder am Hungertuch. Und hiermit zum größten Versagen der schwäbischen Hausfrau – jedes Jahr aufs Neue werden Studien veröffentlicht im O-Ton „soziale Ungleichheit in Deutschland gewachsen“, „Mehr deutsche Milliardäre als je zuvor“ und „mehr Deutsche leben von Gehalt zu Gehalt als je zuvor“. Vor diesen Warnungen werden konsequent die Augen verschlossen.  Vielleicht sind wir von diesen Nachrichten mittlerweile schon abgestumpft, sodass wir nicht mehr wissen, was es überhaupt bedeutet, dass 50 % der Deutschen keine finanziellen Rücklagen von 2.000 € haben,1 dass die reichsten 10 % einen Anteil von 61,2 % am Gesamtvermögen in Deutschland besitzen,2 oder dass jedes 5. Kind in Armut aufwächst.3 Sich die Missstände mit aller Ernsthaftigkeit vor Augen zu führen kann einen nicht tatenlos zusehen lassen. Die kleingeistige konservative Figur der schwäbischen Hausfrau kann das jedoch sehr gut – ein Trauerspiel.

Das lebenswerte Leben der schwäbischen Hausfrau

Gefangen im Vorgenannten kann keine Rede von einer modernen, autarken und selbstbestimmten schwäbischen Hausfrau sein. Es muss ein neues an unsere heutige Zeit angepasstes Bild vermittelt werden, das Bild einer Hausfrau, die ihr Einkommen proaktiv gestalten kann und einen ganzheitlichen Blick auf ihre Ausgaben hat. Durch eigene Sparzwänge hervorgerufene Infrastrukturschulden müssen der Vergangenheit angehören.

Die Zukunft gehört den schwäbischen Hausfrauen, die ihren Haushalt ehrlich gestalten, die Investitionen nicht nur mit ihren Anschaffungskosten, sondern auch deren Erhaltungsaufwendungen berücksichtigt. Sie sieht, welche Angehörigen des Haushalts mehr zu den wichtigen Weichen der Zukunft beitragen können und welche entlastet werden müssen. Nur so lasse sich eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft für alle Teilhaber im schwäbischen Haushalt und in der Bundesrepublik gestalten.  

  1. vgl. TeamBank AG, 19.08.2025: „Umfrage: Deutliche Mehrheit der Deutschen hat Nachholbedarf in Sachen Finanzwissen“ ↩︎
  2. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 01.03.2024: „Vermögensungleicheit in Deutschland und Europa“ ↩︎
  3. vgl. Save the Children, September 2025: „Kindern und Familien soziale Sicherheit geben – Kinderarmut entschlossen entgegentreten“ ↩︎

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